Welcher Rohköstler hat nicht Mal ans Aussteigen gedacht?

Selbstversorger Lisa und Michael

Selbstversorger Lisa und Michael

Heute möchte ich Euch Lisa und Michael vorstellen. Die Beiden setzen das um wovon viele von uns träumen, ein Leben als Selbstversorger in und mit der Natur.
Es gibt tausend Gründe nur zu träumen ohne es umzusetzen. Erst Mal die Ausbildung zu Ende machen, wenn ich jetzt so viel Arbeit investiert habe, dann will ich auch in diesem Beruf arbeiten… Wenn ich jetzt so hart gearbeitet habe möchte ich jetzt erst Mal befördert werden… Wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann mache ich etwas ganz anderes… Wenn ich in Rente bin dann werde ich reisen oder woanders leben… Wenn ich finanziell abgesichert bin, dann… Und mit den ganzen Zwischenzielen läuft unsere Lebenszeit unaufhörlich 😉 Umso mutiger finde ich den Schritt, aber lest selbst:

Wie seid Ihr auf die Idee aus dem System austeigen zu wollen?

Wir sind doch gar keine Aussteiger/innen. 😉 Die Wörter „aussteigen“ (aus dem System / aus der Gesellschaft) oder „Aussteiger/innen“ sind für viele Menschen sehr negativ belegt. Wir sind weder das, was die meisten Menschen unter „Aussteiger/in“ verstehen, noch empfinden wir uns selbst als solche. Wir bleiben ja weiter Teil des Ganzen und bringen uns weiter ins System und in die Gesellschaft ein. Nur ein wenig anders eben. 

Dass wir mit unserem Weg unser Leben entschleunigen, dem Kapitalismus unseren Gehorsam und Arbeitseinsatz entziehen und viele Freiheiten dazugewinnen, sind wunderbare Nebeneffekte, die wir freudig annehmen.

Die Hauptmotivationen anders zu leben sind der innige Wunsch, Verantwortung für das eigene Leben und dessen Auswirkungen zu übernehmen, eine echte Gemeinschaft zu entwickeln und den Einklang mit der Natur wieder zu leben. 

Wo und wie möchtet ihr leben? 

Wir sind Teil eines bio-veganen, selbstverwalteten und nicht-kommerziellen Hofkollektivs im Norden Tschechiens. Dort wollen wir mit möglichst geringen Auswirkungen auf die uns umgebende Natur leben. Wir leben in „freiwilliger Einfachheit“, wie das die Marketing-Agenturen nennen: Ohne das uns finanzielle oder sonstige Not zwingt, verzichten wir gerne auf ressourcenfressende Technologien oder Verfahren und verschonen unser aller Planeten vor den Auswirkungen überflüssigen Konsums und vor Zerstörung aus Bequemlichkeit. 

Die Folge: wir bestimmen selbst, was wir mit unserer Zeit tun, haben ein erfülltes Leben mit fürsorglichen Menschen um uns herum, sind viel in der freien Natur und der frischen Luft und erleben immer weniger von dem Stress und dem Druck, der zum Leben in den heutigen Wohlstands-Gesellschaften gehört.

Was hat Euch am meisten an Eurem Lebensstil gestört?

Uns sind von Zeit zu Zeit Punkte bewusst geworden, die verdammt schief laufen, auf dieser Welt – und dann haben wir begonnen, etwas zu ändern. So wurden wir beide, noch unabhängig voneinander, vegan, begannen unseren Konsum zu reduzieren und genau darauf zu achten, welche Gewohnheiten und Bequemlichkeiten die Umwelt sehr schädigen.

Und versuchten, diese Gewohnheiten und Bequemlichkeiten dann eben zu ändern. Was manchmal recht schwer ist und manchmal schier unmöglich.

Aber aller meist kann man sich ändern. Schritt für Schritt. Und damit jedes mal auch ein bisschen die Welt.

Was dann tatsächlich irgendwann gestört hat, war das immer größere Bewusstsein dafür, dass die Verantwortung, die wir als Konsumierende tatsächlich übernehmen können, bei genauer Betrachtung recht klein ist. Selbst beim Kauf von Biogemüse kann man davon ausgehen, dass es in den meisten Fällen “Bio-Monokulturen” sind: Mangels Schutz durch Hecken u.ä. wird fruchtbare Erde entweder ausgewaschen oder “vom Winde verweht”. Über die “Bio-Felder” brettern genau so tonnenschwere Traktoren (welche CO2 ausstoßen), die den Boden verdichten und das Bodenleben schädigen. “Bio-Gülle” (von eingesperrten Tieren) hat auch eine sehr hohe Nährstoffkonzentration, die die Pflanzen zwar prächtig wachsen lässt, das Bodenleben aber längerfristig ins Ungleichgewicht bringt. Zu allem Überfluss kommen diese “Bio”Lebensmittel ironischerweise oftmals von Übersee (Oder von österreichischen beheizten Glashäusern? Super!) und dank Hygienerichtlinien haben wir meist alles schön in Plastik verpackt.

Uns ist schon klar, dass es in der momentanen gesellschaftlichen Situation nicht viel anders ginge. Wir sahen uns hier die Hände gebunden und wollten unser Essen so anbauen wie wir es für gut empfinden: Handarbeit, kleinstrukturiert, Mischkultur, etc. Und als wir also immer mehr erkannt haben, dass wir als Konsumierende nur sehr eingeschränkt Verantwortung übernehmen können, war bald klar, dass wir selbst so viel unserer benötigten Produkte herstellen wollen, wie möglich.

Was sagen Freunde, Familie, Bekannte? meist muß man sich schon lange Vorträge anhören, wenn man nur eine Versicherung kündigt.

Wir erfahren in unseren Familien und im Freundeskreis Rückhalt und Unterstützung. Dafür sind wir sehr dankbar. Sicher sind nicht alle Feuer und Flamme für unsere Ideen – aber die „kritischsten“ Leute beobachten unsere Schritte mit interessiertem Wohlwollen. Vorhalte macht uns aus dem engeren Umfeld niemand. Im erweiterten Umfeld stoßenwir auf sehr viel Interesse und natürlich auch das ein oder andere Schmunzeln.

Wie sieht Eure finanzielle Situation aus, wenn Ihr Waren einkaufen müsst wie Samen zum Anbau oder Material um das Haus auszubessern?

Wir versuchen so viel Saatgut wie möglich selbst zu vermehren und so viel Baumaterial wie möglich selbst herzustellen. An zweiter Stelle steht dann der Tausch mit Menschen, die uns gleichgesinnt sind oder uns unterstützen wollen. Für alles weitere haben wir ein paar Rücklagen und müssen, so lange Geld noch notwendig ist, eben von Zeit zu Zeit eines verdienen. Saatgut und Jungpflanzen nehmen wir natürlich auch als Geschenk an. 😉

Kennt Ihr Aussteiger oder habt Ihr entsprechende Literatur gelesen?

Wir haben nie bewusst Aussteiger/innen-Literatur gelesen oder geplant Menschen getroffen, die auf das gängige „Aussteiger/innen-Bild“ passen. Wir haben lieber Menschen getroffen, die bäuerlich leben und sich damit selbst versorgen und haben Öko-Dörfer und ähnliche Gemeinschaften besucht. Wir lesen ein wenig Fachliteratur über Gemüse-und Obstanbau, biovegane Landwirtschaft, Gemeinschaftsbildung und ähnliches.

Das aller wichtigste ist aber, zu handeln. Viele Menschen neigen dazu, es beim Lesen solcher Bücher und beim Träumen zu lassen. Aber Erfahrung und Wissen kommt über praktische Anwendung – und ohne diese, wird es auch kein anderes Leben als das jetzige geben. Weder für die einzelne Person, noch für unsere Gesellschaft.

Wollt Ihr Euch vegan ernähren? Was werdet Ihr anbauen und wollt Ihr auch die Überschüsse verkaufen?

Klar wollen wir uns vegan ernähren. Wie sonst? 🙂

Wir werden weiter alles an Obst und Gemüse anbauen, das für den Boden und die klimatischen Bedingungen geeignet ist, so wie es auf dem Hof ja jetzt schon läuft. Unser Schwerpunkt werden dort zukünftig vermehrt auch mehrjährige und selbstaussäende Pflanzen sein.

Dazu kommen natürlich noch alle Arten von Pilzen, die unseren Speiseplan anreichern werden. Und auch Versuche mit Getreideanbau und -verarbeitung haben wir vor.

Welche Methoden der Haltbarmachung möchtet Ihr nutzen?

Einkochen, Tocknen bzw. Dörren, Einsalzen, milchsauer Vergären in Strohmieten einlagern und im Erdkeller einlagern.

Werdet Ihr regelmässig von Euren Schritten berichten oder wird in naher Zukunft auch der PC als schnittstelle abgeschafft?

Wir haben schon eine Zeit lang überlegt, wie wir das machen wollen. Denn eigentlich wäre es sehr schön, nur noch äußerst selten in einem Internetcafe einen Rechner zu benutzen. Alle Menschen die das möchten, können uns ja per Brief erreichen. Oder uns besuchen.

Außerdem haben wir keinen Strom an unserem zukünftigen Hof.  Aber da wir von einigen Menschen sehr großartiges Feedback für unseren Blog bekommen haben und viele Menschen Interesse an unseren nächsten Schritten zeigen, werden wir zunächst weiter bloggen. Wie oft, muss sich zeigen, denn wir müssen dazu ja in den nächsten Ort radeln und dort dann einen Rechner nutzen.

Sucht ihr Gleichgesinnte oder wollt Ihr das bewußt zu zweit durchziehen?

Wir sind ja ab dem Sommer bereits zu viert. Wir werden uns dort zusammenleben und unseren gemeinsamen Weg finden. Sollten uns Menschen besuchen – und irgendwann wird klar, dass wir alle gut zusammenpassen würden, spricht sicher nichts dagegen, wenn die Gemeinschaft ein wenig wächst. Bei 8 bis 10 wird aber wohl Schluss sein. Wegen der vorhandenen Fläche, denn Selbstversorgung in Einklang mit der Natur soll für uns als Gemeinschaft immer möglich sein.

Kurz gesagt: Wir suchen weder bewusst, noch rufen wir dazu auf, dass Leute zu uns ziehen sollen. Unsere Sinne sind aber wach genug, um zu bemerken, wenn da jemand einfach absolut zu uns passt.

Warum steigt Ihr nicht ein wärmeres Land in den Tropen aus? Hier ist die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse sowie der Anbau aufgrund des fehlenden Winters viel leichter.

Wir haben es deswegen nie in Betracht gezogen, weil wir immer gesagt haben, dass wir es uns nicht vorstellen könnten in einem völlig anderem Klima mit einer völlig anderen Vegetation zu leben. Dazu kommt, dass wir uns niemals so etwas anhören wollen wie “Naja, in den Tropen ist es ja einfach sich selbst zu versorgen.” Wir wollen praktisch vorzeigen, dass das auch in unseren Breiten möglich ist, samt Winter. Zudem möchten wir Menschen die Möglichkeit geben uns zu besuchen und da unsere Blog-Sprache derzeit Deutsch ist, möchten wir auch in Mitteleuropa bleiben. Außerdem wäre der einfachste Weg ja langweilig 😉 Und dabei sind wir uns nicht mal sicher ob es so viel einfacher ist. Nach unserem Gefühl ist dieses Aussteigen in den “paradiesischen Süden” mit noch mehr romantischen Vorstellungen verbunden als es beim “Aussteigen” an sich der Fall ist.

Welche Küchengeräte nutzt Ihr? Stabile Geräte aus Edelstahl, die per Hand bedient werden oder moderne elektrische Geräte?

Wir benutzen keine elektrischen Geräte, abgesehen von zwei Solarlampen zum Lesen im Winter und ein paar Kurbel-Taschenlampen. In der Küche (und allen anderen Räumen) also nur handbetriebene, möglichst stabile Geräte.

Werdet ihr krankenvereichert sein?

Hier sind wir wohl gut im System sozialisiert worden und von der Werbeindustrie mit genug Angst aufgeladen worden. Von daher werden wir zunächst krankenversichtert bleiben. Alles andere fühlt sich derzeit nicht gut für uns an. Aber wer weiß, vielleicht lernen wir mal Menschen kennen, die uns im Fall der Fälle beim Heilen helfen können, auch wenn es sich um einen gebrochenen Knochen handelt.

Kennt ihr Rohkost, Urkost bzw. Vitalkost? Es ist eine meist vegane Ernährungsform bei der nichts Erhitztes gegessen wird. Der Verzehr roher Nahrung hat viele Vorteile. Habt Ihr Euch schon damit beschäftigt? In roher Form wird weniger Nahrungsmenge benötigt, denn der Vitalstoffgehalt ist deutlich höher.

Rohkost (Foto: Margot-Kessler pixelio.de)

Rohkost (Foto: Margot-Kessler pixelio.de)

Natürlich kennen wir Rohkost und haben auch ein paar Bekannte und Freund/innen, die sich selbst ausschließlich mit veganer Rohkost ernähren und wir finden das sehr interessant. Wir haben einige Bücher dazu gelesen und verstehen viele der Ideen und Ansätze.

Unser Ziel ist es möglichst viele frische und rohe Sachen zu essen, wollen aber auf Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Getreide usw. nicht verzichten. Auch nicht generell auf warme Gemüsegerichte. Im Gegensatz zum Winter, wo der Heiz- bzw. Kochherd sowieso angefeuert ist, wird im Sommer der gekochte Anteil aber eher klein ausfallen.

Welche Rolle spielen Wildkräuter in Eurer Ernährung? Für diese hochwertigen Lebensmittel benötigt man nicht Mal einen eigenen GArten, sondern nur Wiesen oder Wälder.

Wir beziehen Wildkräuter seit längerem in unsere Ernährung ein und weiten das immer weiter aus. Gerade im Frühjahr, wenn die Lagerbestände und Wintergemüse zur Neige gehen, die erste Ernte aber noch auf sich warten lässt, sprießen die Wildkräuter aus dem Boden und warten darauf, uns mit den ersten frischen Vitalstoffen zu versorgen, die das neue Jahr bereit hält. Wichtig finden wir beim Thema Wilkräuter, dass man sich sehr gut bezüglich gefährdeter Bestände informieren sollte und dementsprechend mit den Pflanzen umgehen soll.

Weitere Informationen zum Experiment Selbstversorgung findest Du hier:

http://experimentselbstversorgung.net

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2 Antworten auf Welcher Rohköstler hat nicht Mal ans Aussteigen gedacht?

  1. OneBBO sagt:

    Solche Experimente sind nett und interessant, und die beiden Aussteiger präsentieren das hier auch sympathisch unfanatisch. Dennoch: Das ist alles schön und gut mit einer gut funktionierenden modernen Gesellschaft im Rücken, da wird letztendlich niemand verhungern. Nur entgeht mir der Sinn: Wenn ich das konsequent durchdenke und jeder so leben wollte, müssten wir erst einen Großteil der Menschheit umbringen, die einfach bearbeitete Natur (man denke an Dürrezeiten!) gibt nicht genug her für die jetzige Weltbevölkerung.
    Da denke ich dann frei nach Barbara Rütting: „Unterm Strich bringt es mehr, wenn ich 1000 Menschen dazu bewegen kann, weniger Fleisch zu essen, als einen Menschen zum Vegetarismus zu bekehren.“ Übersetzt: „Für das Fortbestehen der Erde bringt es mehr, wenn ich 1000 Menschen dazu bringen kann, ihren Luxus um ein 5 Proeznt zu verringern, als einen Menschen zum Selbstversorgertum zu bringen.“

    • ursula sagt:

      Ich war mal ein sogenannter „Aussteiger“, aber anders, bin vor 30 Jahren auf die Philippinen mit meinen 2 Soehnen und wollte dort ein einfaches Leben leben…es kam dann ganz anders. Aber ich habe mich seit ueber 20 Jahren mit alternativen Heilmethoden beschaeftigt und seit etwas weniger Jahren mit Rohkost, bin 27 Jahre Veganer, erst Vegetarier, und nun experimentiere ich mit Wildkraeutern, nicht alles roh, z.B. mache ich Saft und Smoothies auch aus
      Loewenzahnblueten und nehme die Fasern zusammen mit wildem Baerlauch und einer geriebenen Kartoffel als Basis fuer „Pflanzerl“, wie man Braetlinge in Bayern nenne. Ich verwerte also auch die Fasern. Ich habe momentan keinen starken Entsafter oder Mixer, nehme also nur den Stab und siebe die Fasern von den Kraeutern ab, die werden dann auch verwendet.
      Und viel von Kokos, die leider importiert werden muessen….
      Ich habe auf den Philippinen mit allen Schichten der Gesellschaft zu tun gehabt, habe auch Zeit bei Staemmen in den Bergen verbracht, die sich hauptsaechlich selbst versorgen….das Klima ist natuerlich ganz anders. Es macht mir Freude, den Fruehlung zu erleben, ich habe auch im Winter unterm Schnee die Brennesseln ausgegraben, geht alles

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